Ihr Engagement ist wichtig!


Erfahrungsbericht zur ehrenamtlichen Gremienarbeit

Interview mit Patientenvertreter Reinhard Birkner, Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung e.V. Das Interview führte Matthias Veit, NRW-Pressesprecher des Sozialverbands Deutschland, SoVD.

Herr Birkner, Sie sind als Patientenvertreter tätig. Wie kam es dazu?

Das kam durch unsere Verbandszeitschrift, dem „Bauchredner“. Ich bin ja, weil ich selbst an einer chronischen Erkrankung leide, im DCCV (Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung). Da wurde also in einem Artikel darauf hingewiesen, dass es viel zu wenige Freiwillige in dem Bereich gibt, die bereit sind, sich für die Rechte von Patienten einzusetzen. Und da ich damals – das war 2006 – im Begriff war, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen und wusste, dass ich demnächst mehr Zeit haben würde, hab ich mich dann bei meinem Verband gemeldet und gesagt: Leute, ich mach das. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Was war denn eigentlich der Anlass für den Artikel über die Patientenvertretung?

Na ja, es ging darum, dass es zu wenige Menschen gibt, die bereit sind, als Stimme der Patienten zu fungieren. Sie müssen bedenken: Das ist ja eine ehrenamtliche Aufgabe. Die kostet Zeit und bringt Ihnen bis auf Fahrtkostenerstattungen und Aufwandsentschädigungen kein Geld.

Für Sie spielte das aber offenbar keine Rolle.

Nein. Wie gesagt, ich wusste ja, dass ich dafür Zeit haben würde. Und für mich klang das durchaus viel versprechend, sonst hätte ich mich ja nicht  gemeldet. Ich finde es schon wichtig, dass jemand den Patientinnen und Patienten eine Stimme verleiht, die dann auch gehört wird. Außerdem war ich ja schon in der Gewerkschaft aktiv und war und bin noch immer im IHK-Prüfungsausschuss tätig – ich engagiere mich einfach gerne, wenn es sinnstiftend ist.

„Ich engagiere mich einfach gerne, wenn es sinnstiftend ist.“ Reinhard Birkner

Und was machen Sie jetzt genau als Patientenvertreter, wo reden Sie mit?

Ich sitze in mehreren Gremien, wo früher nur Vertreter der Ärzteschaft und der Krankenkassen zusammen beraten haben. Die Perspektive der Patienten spielte früher dort keine Rolle. Das ist jetzt anders. Umso wichtiger ist aber, dass sich auch genug Freiwillige melden, um Patienten eine Stimme zu geben. Wir brauchen mehr Leute in dem Bereich.

Wo genau sind Sie persönlich denn tätig?

Ich selbst sitze in zwei Zulassungsausschüssen der KV Nordrhein (Kassenärztliche Vereinigung). Da geht es also um Zulassungen und die Frage, wo sich welche Fachärzte niederlassen, wo Praxen geschlossen oder eröffnet werden.

Und in wiefern können Sie da die Dinge beeinflussen zum Wohl der Patienten?

Es geht ja um Zulassungsfragen in diesen Ausschüssen, wo ich tätig bin. Beispiel: Wenn im ambulanten Bereich in bestimmten Regionen irgendeine Fachrichtung nicht ausreichend vorhanden ist, es also an Praxen mangelt, dann kann es einen Sonderbedarf, eine Sonderzulassung geben. Ein Arzt kann sich dann entsprechend bewerben und auf eine Unterversorgung in der fraglichen Umgebung hinweisen. Und dann wird darüber beraten. Das ist aus Patientensicht natürlich höchst spannend. Da recherchiere ich dann auch selbst und guck mir an, wie die ärztliche Versorgung vor Ort bisher ist. Ich sammle also Argumente, damit derjenige Arzt dann auch die Zulassung bekommt, wenn ich das für geboten halte. Denn es kann ja sein, dass die Kassenärztliche Vereinigung erst mal „Nein“ sagt. Und dann kann ich nochmal meine Argumente vorbringen. Wir wollen ja alle nicht lange fahren, um zur nächsten Facharzt-Praxis fahren, gerade im ländlichen Raum ist das ja längst ein dringliches Thema.

Wie wichtig ist es denn, dass Sie sich mit Argumenten wappnen für solche Sitzungen?

Es ist wichtig, dem Ausschuss entsprechende Gründe nennen zu können, warum eine Praxis zugelassen werden sollte, auch wenn Zweifel bestehen. Ärzte sind ja nicht unbedingt an Konkurrenz im Umfeld ihrer eigenen Praxis interessiert. Oder der Bedarf wird schlichtweg abgestritten bzw. nicht gesehen. Außerdem fällen die Sozialgerichte bis hin zum Bundessozialgericht schon mal Urteile dahingehend, dass Patienten eine längere Anreise zu einem Facharzt durchaus zuzumuten sei. Das werden kranke, behinderte und ältere Menschen aber nicht selten deutlich anders sehen. Und für die spreche ich dann gewissermaßen, wenn ich mich in den Zulassungsausschüssen der KV Nordrhein zu Wort melde.

Und dennoch wird sicherlich nicht immer so entschieden, wie Sie es für richtig halten. Was wäre denn Ihr Wunsch, wie müssten die Dinge idealerweise laufen?

Mein Wunsch wäre erfüllt, wenn wir sagen könnten: Wir haben alle weißen Flecken auf der Landkarte mit Ärzten besetzt, alle Menschen haben Zugriff auf eine breite medizinische Versorgung in ihrer Nähe. Realität ist aber: Die Ärzte wollen lieber in die Städte. Und es gibt immer mehr medizinische Zentren, wo es heißt: Hier werden Kompetenzen gebündelt. Das ist auch sicherlich gut so, aber mein Eindruck ist, dass die wirtschaftlichen Gründe da doch klar überwiegen. Wir brauchen aber auch in der Fläche gut erreichbare Praxen. Und natürlich ist es wichtig, dass die Leute nicht monatelang auf Termine beim Arzt warten müssen. Das aber ist ein Punkt, wo sich die verschiedenen Verbände wie etwa der Sozialverband SoVD einsetzen müssen, da ist die Politik gefragt.

Haben Sie als Patient eigentlich mal selbst schlechte Erfahrungen gemacht?

Interessanterweise nein! Ich bin 45 Jahre lang zu ein und dergleichen internistischen Praxis gegangen, wo ich in all den Jahren mit gerade Mal zwei verschiedenen Ärzten zu tun hatte. Ich selbst hab mich als Patient dort immer sehr wohl gefühlt. Der letzte Arzt ist allerdings inzwischen im Ruhestand und nur deshalb musste ich wechseln. Aber ansonsten kann ich wirklich nicht klagen. Mein Engagement als Patientenvertreter kam also nicht deshalb zustande, weil ich eine Wut im Bauch gehabt hätte oder so. Wie gesagt, ich wollte mich einfach für eine gute Sache engagieren.

Und wenn jetzt jemand Interesse hat, Patientenvertreter zu werden, wie muss er oder sie dann vorgehen?

Wenn man Spaß daran hat, etwas für die Allgemeinheit zu tun, kann und sollte man das natürlich tun. Sie müssen dann zu Ihrem Verband bzw. Ihrer Organisation gehen und sich da melden. Danach wird dann der sogenannte Koordinierungsausschuss über Ihre Bereitschaft unterrichtet und informiert dann seinerseits die zuständigen Stellen bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Dann werden Sie in die Ausschüsse berufen und die Arbeit kann losgehen.

„Man darf kein Problem damit haben, sich auch mit Paragraphen auseinander zu setzen.“ Reinhard Birkner

Würden Sie sagen, der „Job“ des Patientenvertreters ist interessant?

Ganz ehrlich? Man darf kein Problem damit haben, sich auch mit Paragraphen auseinander zu setzen. Aber interessant ist für mich zum Beispiel der Kontakt mit anderen Patientenvertretern, die aus anderen Verbänden und Bereichen kommen. Da kann man nützliches Wissen austauschen und das erreicht dann im Idealfall auch die Mitglieder dieser Verbände und Organisationen. Dieser Austausch erweitert den eigenen Horizont und man fühlt sich gut integriert – das finde ich dann auf jeden Fall sehr reizvoll, muss ich sagen.

Vielen Dank für das Gespräch.